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Leseprobe:

 

Kapitel 1

 

Regen prasselte gegen die Fensterscheiben, klatschte auf die Fensterbänke, auf die Dächer. Seit Tagen das gleiche trostlose Bild. Regen. Grau in Grau. Tief und bedrohlich hingen die Wolken in der Landschaft. Ab und an bot das Leben nur Mühsal und Trostlosigkeit. Annemarie Seiberts, von jedem nur Anne genannt, hielt das Buch, in dem sie gelesen hatte, noch in der Hand, ihre Gedanken schweiften allerdings weit ab, der Blick hing am trostlosen Ausblick des Fensters. Den Inhalt des Lesestoffes hatte sie nicht mehr registriert seit Anfang der aufgeschlagenen Seite …

Ihre Gedanken hingen in der Vergangenheit vor sechs Jahren, zu einer Zeit, wo ihre Hoffnungen, Wünsche und Träume noch groß waren. Als zwanzigjährige Schulabgängerin blickte sie voller Zuversicht in ihre Zukunft. Die Jobsuche erwies sich bereits damals als erheblich schwieriger, als zuerst angenommen. Finanziell noch von ihren Eltern abhängig, wohnte sie zu Hause in einem winzigen Zimmer, dessen Möbel auch schon bessere Zeiten gesehen hatten. Vater, als Alleinverdiener, konnte kaum Geld auf die Seite legen. Mutter verwirtschaftete als Hausfrau Vaters Geld, mehr schlecht als recht. Sie hätte nie im Traum daran gedacht, sich eine Anstellung zu suchen, um auch zum Familieneinkommen beizusteuern.

„Ich hab zu Hause genug zu tun, als Putze zu fremden Leuten gehe ich nicht“, war der Standardspruch ihrer Mutter.
Anne hingegen wünschte sich eine tolle Karriere in einer Firma, in der sie sich beruflich verwirklichen und weiterentwickeln konnte. Und ein guter Verdienst verstand sich von alleine. Jedoch war kein Dienstgeber bereit, ihr eine Chance zu geben. Eine Absage nach der anderen fand sich im Postkasten.
Um dennoch endlich eigenes Geld verdienen zu können, begann sie, als Kellnerin in einem Nightclub zu jobben. Eine andere Stelle suchen, wollte sie später. Ihre Eltern waren darüber alles andere als erfreut. Letztendlich gaben sie sich geschlagen, weil auch ihnen damit finanziell geholfen wurde.
In ihrer naiven Verliebtheit hatte sie sich damals auf ihren Traummann eingelassen. Die Sterne vom Himmel hatte er ihr versprochen. Alle Warnungen zum 
Trotz vertraute sie ohne Wenn und Aber, schenkte ihre Jungfräulichkeit.
Ihr Freund, der in derselben Bar als Barkeeper sein Geld verdiente, hatte ihr dort den Job besorgt. Er schwärmte, wie toll es doch sei, wenn beide die gleichen Arbeitszeiten hätten, und auch gemeinsam freinehmen könnten und, und, und …
Anfangs überwog das Glücksgefühl. Sie lernte eine neue Welt kennen, neue Menschen, ein neues Gefühl von Freiheit. Mit den Angestellten und den Show-Girls freundete sie sich rasch an.
Die Suche nach einer ausbildungsgerechten Stelle wurde verschoben und irgendwann vergessen …

Das Sturmläuten der Haustürglocke, riss Anne aus ihren Gedanken. Sie brauchte einige Sekunden, um wieder im Hier und Jetzt anzukommen. Beim dritten Klingeln rappelte sie sich hoch. Sie erwartete niemanden. Bekannte und Freunde hatte sie nur wenige. Nur Marika, die eine Etage über ihr wohnte, war wirklich im Lauf der letzten Jahre eine gute Freundin und Vertraute geworden.
Kaum hatte Anne die Tür geöffnet, huschte der quirlige Blondschopf an ihr vorbei. Ihre hellblauen Augen strahlten sie an. Marika war ein zierliches Persönchen, jedoch voller Temperament.

„Na endlich, ich dachte schon, ich muss hier draußen versauern“, plapperte Marika los. „Hast du geschlafen, komm ich ungelegen?“
Sie wirbelte herum, um Anne genauer zu inspizieren.

„Nein und nein“, antwortete Anne lachend. „Ich hab gelesen und bin mit meinen Gedanken in die Vergangenheit abgeschweift, wie so oft in letzter Zeit.“
Im Gegensatz zur lebhaften Marika wirkte Anne ruhig, eher in sich gekehrt. Das Vertrauen in die Menschen hatte sie verloren und verhielt sich allen gegenüber eher reserviert. Marika jedoch hatte sich dadurch nie abschrecken lassen und so wurden die beiden doch so unterschiedlichen Wesen dicke Freundinnen.

„Hör doch auf zu grübeln, das bringt doch nichts mehr, wenn du in der Vergangenheit lebst. Versuch endlich zu vergessen, suche dir einen Freund, lass dich

wieder auf eine Beziehung ein oder lach dir einen für eine Nacht an. Hab wieder Spaß. Und denk doch, wenn du damals nicht so gehandelt hättest, hättest du heute deine kleine Sophie nicht. Sie ist doch alles Erlebte wert, oder? Und du hast es doch gut hingekriegt, die Erziehung meine ich. Tagsüber kannst du für sie da sein und in der Nacht bin ich bei ihr, wenn du arbeitest. Passt doch alles gut. Wo ist der kleine Wirbelwind eigentlich?“

„Sie ist bei Marie. Ich hab ihr sogar erlaubt, bei ihr zu übernachten, weil Marie Geburtstag hat und sie eine Pyjamaparty veranstalten wollen. Maries Mama bringt sie dann morgen gegen Mittag wieder nach Hause. Du hast heute also sturmfreie Bude und kannst dir selbst jemanden abschleppen, wenn wir schon beim Thema sind“, konterte Anne schnell.

„Jaja, lenk nur ab“, lachte Marika, die zwar auch kein Beziehungsmensch war, aber dennoch der männlichen Spezies nicht ganz abgeschworen hatte so wie Anne.

„Warum ich eigentlich hier bin! Ich brauche dringend Kaffee und Zucker, meiner ist nämlich alle und in ein paar Minuten kommt Gregor vorbei, um mir meine neue Vorhangstange zu montieren. Du weißt ja, wie kaffeesüchtig dieser Mensch ist.“
Die Hektik war aus Marikas Tonfall nicht zu überhören. Wild gestikulierte sie mit ihren Händen, um die Dringlichkeit des Gesagten zu unterstreichen.
Gregor wohnte auch im selben Wohnblock. Seiner Hilfe konnte man sich immer sicher sein. Er war ein Bild von einem Mann, groß, mit dunkelbraunem Haar und ebenso dunkelbraunen, warmen Augen. Er war mit jeder Frau befreundet und liebte Timor, seine zweite Hälfte. Ein Bär von einem Mann, der seinem Verhalten nach jedoch eher einem Teddybären glich. Bei Gregors Temperament hätte er sicher schon längst das Weite gesucht, wäre er nicht die Ruhe in Person. Die beiden gaben ein gutes Team ab und waren verliebt wie am Anfang. Als sie ihre Partnerschaft auch von Gesetzes wegen amtlich eintragen durften, veranstalteten sie eine riesengroße, mit allen Raffinessen geplante Hochzeitsfeier. Zweihundert Personen, auch Anne, Marika und natürlich die kleine Sophie zählten zu der erlesenen Gästeschar. Nun schien ihr Glück für immer besiegelt zu sein. Sie strahlten so viel Liebe und Harmonie aus, dass Anne oftmals der Neid überkam.
Gregor liebte Kaffee über alles und verlangte ihn frech als Belohnung, wenn er kleine Gefälligkeiten für die anderen Hausbewohner erledigte, wie eben Vorhangstangen montieren.
Marikas Vergesslichkeit war legendär und sie war so absolut keine Kaffeetrinkerin. Sie liebte Früchtetees in allen Variationen. Daher wanderte Kaffee nicht automatisch in ihre Einkaufstasche.

„Hast du wieder einmal den Kaffee vergessen? Was ist, wenn ich bei dir unbedingt einen Kaffee möchte, muss ich ihn mir dann zu erst selbst kochen und mitnehmen?“, stichelte Anne belustigt.
Beide wussten, dass diese gegenseitige Neckerei nur Spaß war. Sie alberten oft auf diese Art und Weise herum.

„Nun mach schon, du weißt ja, Gregor ist immer überpünktlich“, drängte nun Marika ihrerseits und stürmte bereits voraus in Annes helle, gemütliche Küche.
Ohne auf Anne zu warten, griff sie nach der Kaffeepackung, die im rechten Schrank neben der Anrichte stand. Sie holte sich auch aus dem unteren rechten Schrank den Zucker. Anne lehnte am Durchgang zur Küche und beobachtete belustigt Marikas hektisches Treiben. Sie kannte ihre Freundin gut genug. Sie wusste, dass Marika dafür jederzeit auf ihre kleine Tochter achtgeben und ihr bei Problemen zur Seite stehen würde. Weswegen sie nie Dinge von ihr zurückverlangte, die sie sich wegen ihrer Vergesslichkeit ausborgte und ebenso vergaß, diese wieder zurückzubringen.

„Tschüss und danke“, keuchte Marika und war schon wieder zur Tür hinaus geeilt.
Anne huschte ein Lächeln über ihre Lippen. Ein Lächeln, das von innen kam und ihr Gesicht erstrahlen ließ. Ihre bernsteinfarbenen Augen leuchteten und Lachfältchen umschmeichelten diese. Es tat gut, so eine Freundin zu haben. Sie gab Halt, den Anne dringender benötigte, als sie selbst wahrhaben wollte.

Der Regen hatte noch immer nicht aufgehört. Zeit zum Umziehen. Anne begab sich ins Badezimmer, nahm eine ausgiebige Dusche und huschte in ihr kleines Schlafzimmer. Heute würde sie wohl mit der U-Bahn zur Arbeit fahren müssen. Sie fuhr nicht gerne mit der U-Bahn, überhaupt in der Nacht nicht. Zu viele Obdachlose, Betrunkene oder Junkies hielten sich dort auf. Bei diesem Wetter, blieb ihr leider keine andere Wahl. Mit dem Auto zu fahren kam für sie nicht infrage. Die Gründe waren die hohen Spritpreise und es gab mitten in Wien kaum freie Parkplätze. Die nächste U-Bahnstation lag bei ihrem Häuserblock gleich um die Ecke. Ihr Dienst fing täglich um zwanzig Uhr an. Sie begann zuerst ihre Schicht als Bedienung und wechselte dann in die Showgruppe, die mit ihrem Auftritt ab dreiundzwanzig Uhr das Publikum begeisterte. In der Regel fand nur eine Aufführung am Abend statt. Die Bar hatte durchgehend bis fünf Uhr geöffnet. Anne machte nur hin und wieder Schlussdienst, wenn jemand ausfiel oder noch besonders viele Gäste anwesend waren …

Das war nicht immer so, erinnerte sich Anne nun. Ihre Erinnerungen an diese Zeit, ließen sie heute einfach nicht los. Sie wollte sie wieder zurückdrängen in die hinterste Schublade. Wenn das nur so einfach wäre. Sie fragte sich, was damals schiefgelaufen war? Warum sie nicht erkannt hatte, wo ihr Leben hinführen würde. Das aufgedrehte Lachen der Gäste, die ständigen Partys hatten ihr ein sorgenloses Leben vorgegaukelt. Und ihr Freund liebte dieses Leben. Seinen Spaß zu haben in einem fort, war sein einziges Lebenselixier. Nach einiger Zeit beschloss sie, zu ihm in die Wohnung zu ziehen. Sie hatte sich damals kaum noch zu Hause aufgehalten. Als sie nun nach Hause kam, um ihren Eltern mitzuteilen, dass sie auszog, und um ihre Habseligkeiten abzuholen, die vor allem aus Kleidung und einigem Krimskrams bestanden, waren ihre Eltern total schockiert.
Sie mochten Klaus nicht. Für ihre einzige Tochter hätten sie sich einen besseren Schwiegersohn gewünscht.
Er hatte die wenigen Besuche bei ihren Eltern immer unter einem fadenscheinigen Vorwand gemieden.

„Du weißt, ich mag dieses Geschwafel nicht. Ich hab mit meinen Alten keinen Kontakt, warum sollte ich mit deinen welchen haben.“
Oder er erfand einfach eine Ausrede, weshalb er nicht mitkommen konnte.
Und sie? Sie hatte es akzeptiert. Sie hatte immer alles akzeptiert, was Klaus getan oder gesagt hatte.
Für sie war alles neu. Sie fühlte sich endlich erwachsen und selbstständig. Eigenes Geld zum Shoppen. Kleider kaufen, ohne auf den Preis zu achten. Einen gut aussehenden Freund an ihrer Seite, mit dem sie Spaß haben konnte, der das Leben von der lockeren Seite sah, sich keine Gedanken um die Zukunft machte, warum auch. Nur kein Stress. Alles ist easy …

Nach etwa einem Jahr des Zusammenlebens, die glücklichste Zeit ihres Lebens, wie sie damals dachte, schien die erste Verliebtheit abzuklingen. Klaus war immer öfter ohne sie unterwegs. Verprasste mehr Geld, als er verdiente, begann mit Glücksspielen. Verlor dabei. Immer öfter musste sie alleine für die Miete aufkommen. Bei der Arbeit flirtete er ungeniert mit weiblichen Gästen oder auch mit den Angestellten. Deswegen gab es immer öfter Streit. Die Versöhnung war ja dann wieder schön. Oft sogar sehr schön …

Das Schicksal nahm seinen Lauf, nachdem Anne ihm voller Freude berichtete, schwanger zu sein.

„Das ist ein Scherz, oder? Von mir ist das ja wohl nicht.“
Mit diesen Worten war er auf und davon und mit ihm das restliche Ersparte. Dafür hatte er ihr einen riesigen Batzen Schulden und unbeglichene Rechnungen hinterlassen. Anne war zu geschockt gewesen, um sofort zu reagieren. Alleine der Vorwurf, das Kind sei nicht vom ihm, hatte sie komplett aus der Bahn geworfen. Die erste Zeit verkroch sie sich im Bett und ließ den Tränen freien Lauf. Sie wusste nicht, dass sie so viel Flüssigkeit in sich hatte. Beim Dienstgeber meldete sie sich krank.
Mit ihren Eltern hatte sie keinen Kontakt mehr. Als sie von Annes Schwangerschaft erfuhren, hatten diese den Kontakt zu ihr abgebrochen.

„Schau, wie du alleine zurechtkommst, hast ja nicht auf uns hören wollen. Dein nichtsnutziger Freund soll dich schön unterstützen …“
Ja, ihr nichtsnutziger Freund hatte sich aus dem Staub gemacht, als sie ihm von der Schwangerschaft erzählte.
Ihre Eltern hatten nie erfahren, dass sie verlassen worden war. Warum auch? Sie hätten sowieso kein Verständnis aufgebracht. Und Mitleid? Das war das Letzte, was sie wollte. Aber wenn sie ehrlich zu sich war, hätte sie nicht einmal das von ihren Eltern erwarten können.
Die ersten Monate verschwieg sie, so gut es ging, jedem ihre Schwangerschaft, verbarg ihren immer runder werdenden Bauch unter weiten T-Shirts, weit schwingenden Röcken, locker sitzenden Hosen. Irgendwann half auch das nicht mehr, sie musste ihrem Dienstgeber reinen Wein einschenken. Dieser verhielt sich hingegen sehr fair. Zwei Monate vor der Entbindung ging sie in Mutterschutz. Er hatte ihr auch zu einer kleineren, günstigeren Wohnung verholfen, weil sie mittellos, wie sie war, sich die vorige Wohnung alleine nicht mehr leisten konnte. Ihre damaligen Arbeitskollegen und Freundinnen überraschten sie mit einer Grundausstattung an Babykleidung, Wäsche, Windeln und vieles mehr. Sie organisierten für sie einen gebrauchten Kinderwagen, ein Gitterbettchen, einen Wickeltisch und noch einige andere wichtige Dinge. So kam sie günstig zu einer Babygrundausstattung. Anne lebte in dieser Zeit sehr sparsam. Sie hatte ja einen Haufen Schulden zu begleichen und stotterte diese langsam, aber kontinuierlich ab. Oft hatte sie nicht einmal genug zu essen. An diese Zeit dachte sie nicht gerne zurück. Sie konnte nicht abschließen und einfach alles vergessen.

Nach Sophies Geburt blieb Anne ein Jahr zu Hause in Karenz. Danach suchte sie wieder dringend einen neuen Job in einem Büro oder im Verkauf. Zurück in die Bar als Kellnerin wollte sie eigentlich nicht mehr. War die Stellensuche schon schwierig, als sie noch unabhängig war, schien es mit Kind eine ausweglose Situation. Es blieb ihr keine andere Alternative, als zu ihrem ehemaligen Dienstgeber zurückzukehren, wo sie sofort wieder die Arbeit aufnehmen konnte. Zu dieser Zeit hatte sie sich bereits mit Marika angefreundet. Marika war sofort begeistert, als Anne sie bat, nachts ihre Tochter zu beaufsichtigen. Tagsüber arbeitete Marika Teilzeit in einem „New Age Shop“ und nachts übernahm sie die Aufsicht für Sophie.
Als sich eine Tänzerin verletzte und für längere Zeit ausfiel, beorderte der Barbesitzer Anne, für die Tänzerin einzuspringen. Geplant war zuerst nur, während der Zeit der Verletzungspause, aber Anne lernte schnell und bewies wirklich Talent. Bei den Tänzerinnen war sie durch ihre unkomplizierte Art sowie ihren Ehrgeiz beliebt und so verblieb sie in der Showgruppe. Sie verdiente dadurch natürlich einiges mehr. Am Anfang hatte Anne Hemmungen, in den knappen Kostümen, auch hin und wieder oben ohne, aufzutreten. Noch nach so vielen Jahren, wenn sie jemand fragte, was sie beruflich mache, gab sie an, als Kellnerin tätig zu sein. Das Tanzen verschwieg sie.

Seit der Trennung hatte sie keine Beziehung mehr gehabt. Kein Mann hatte es seither geschafft, ein Date mit ihr zu vereinbaren. Sie war zu misstrauisch. Alleine für alles verantwortlich zu sein, war sie gewohnt. Sich selbst konnte sie vertrauen. Ihr Herz trug eine tiefe Narbe. Niemals mehr mochte sie sich so verletzen lassen. Solche Demütigungen konnten nur andere einem zufügen. Sogar oder vor allem von ihren Eltern fühlte sie sich verraten und im Stich gelassen. Sie hatte gelernt, dass es viel besser war, für alles selbst verantwortlich zu sein und sich auf niemanden zu verlassen.
Unter den Kollegen und auch unter den Gästen hatte sie den Spitznamen Eisprinzessin erhalten. Es war ihr egal. Sollten sie sie nennen, wie sie mochten. Anne hatte gelernt, mit lästigen und aufdringlichen Gästen umzugehen. Sie hatte immer eine spitze Bemerkung parat, sollte ihr jemand auf den Hintern grapschen. Gab es Beschwerden über ihre Unhöflichkeit und Abweisungen, stritt sie sich sogar mit ihrem Chef. Die Tänzerinnen wurden häufig von den männlichen Gästen in die Separees, kleine abgegrenzte dunkle Nischen, eingeladen. Anne nahm keine dieser Einladungen je an. Nicht einmal damals, als ihr Chef dies ausdrücklich von ihr verlangte, weil ein hoch angesehener Stammgast ihm für seine Unterstützung ein hohes Sümmchen angeboten hatte. Anne marschierte zielstrebig an den Tisch dieses Herrn, schüttete ihm sein Glas Champagner ins Gesicht.

„Ich suche mir meine Begleitung selbst aus, wenn ich glaube, eine zu benötigen.“
Damit drehte sie sich um und ließ besagten Gast wie einen begossenen Pudel zurück. Sie packte ihre Sachen zusammen, in dem Wissen, nun endgültig gefeuert zu werden. Ihr Chef ließ sie auch sofort in seinem Büro antanzen.

„Anne, Anne, was soll ich denn mit dir machen? Du vergraulst mir ja noch sämtliche zahlenden Gäste. Mädchen, wir arbeiten im Dienstleistungsgewerbe, der Kunde ist König und wir sind für die Könige da …“
Anne spulte gedanklich die Rede ihres Chefs mit, da sie jedes Wort schon zum tausendsten Mal gehört hatte. Max drohte ihr schließlich endgültig mit Entlassung, sollte er nochmals von ihr in so eine unmögliche Situation gebracht werden. Dann würde er keine Rücksicht mehr nehmen. Damit wurde sie wieder auf ihren Arbeitsplatz entlassen. Seit diesem Vorfall vor ungefähr einem halben Jahr gab es keine ähnlichen Situationen mehr. Der Großteil der Stammgäste kannte sie gut genug, um ihr keine zwielichtigen Angebote zu machen, und bandelte lieber mit den freizügigeren Damen an.

Als Anne heute die Bar durch den Personaleingang betrat, drangen bereits die aufgeregten Stimmen der Angestellten zu ihr. Im Umkleideraum herrschte reges Treiben. Kurt, der Barkeeper und Thorsten, Chef de Rang, hatten kurz vorher erfahren, dass das österreichische Footballteam heute Plätze reserviert hatte, um ihren Sieg zu feiern. Sie gaben dem Personal genaue Anweisungen, die Aufteilung unter den Kellnern wurde vorgenommen und die Tänzerinnen wurden zu einer Extravorstellung fürs Footballteam verdonnert. Anne war verärgert. Extravorstellung. Sie wollte heute früher ins Bett, damit sie morgen zu Mittag, wenn Sophie nach Hause gebracht wurde, fit und ausgeschlafen war. Das konnte sie sich jetzt abschminken. Einige Spieler vom Footballteam hatten schon des Öfteren in der Bar gefeiert. Immer sehr ausgelassen, mit viel Alkohol, wenig Benimm und noch weniger Anstand. Sportler waren Anne ein Dorn im Auge, besonders Footballspieler.

 

 

Kapitel 2

In der Umkleidekabine der VIKs herrschte ausgelassene Stimmung. Sieg nach so langer Durststrecke. Und gleich gegen Dänemark. Wasserrauschen drang aus den Duschen, tiefes Männerlachen, kleine verbale Geplänkel wurden ausgeteilt. Mark Jansen, Head Coach der VIKs war stolz auf seine Männer. Heute hatten sie ihr Können unter Beweis gestellt. Dementsprechend stolz trat er daher beim Pressetermin auf.

„Unsere Saison ist bis jetzt äußerst super verlaufen. Anders als in den Vorsaisonen. Man kann sich seiner Sache nie zu sicher sein, das ist uns schon klar. Die Spiele waren bis jetzt viel ausgeglichener und spannender als in den letzten Jahren. Bis jetzt haben sich eben die beiden stärksten Vereine durchgesetzt. Die Starks werden sicher eine Herausforderung, aber so, wie meine Jungs in Form sind, ist alles möglich.“
Jansen bedankte sich und eilte zu den Spielern in die Umkleide. Der Sponsor hatte eigens für sie im Nightclub „Spleens“ einige Tische reserviert, damit sie auf ihren Sieg gebührend anstoßen konnten. Ein paar hübsche, leicht bekleidete Mädchen und viel Champagner war genau das Richtige.

„Na Chris, freust du dich auf die Eisprinzessin? Wie ich gehört habe, ist eine Feier im ‚Spleens‘ für uns vorbereitet“, schrie Tobi quer durch den Raum.
Lachen der anderen folgte. Tobi war ein Riese von knapp zwei Metern und mit guten einhundertzwanzig Kilo, reine Muskelmasse. Chris reagierte nur mit einem lauten Murren auf diese Anspielung. Er wollte seinen Kollegen nicht noch mehr Anlass für diverse Sprüche geben. Die kleine Brünette mit den traurigen, bernsteinfarbenen Augen hatte es ihm angetan, seit er sie das erste Mal tanzen gesehen hatte. Leider hatte sich auch sofort herumgesprochen, dass sie total unzugänglich reagierte, wollte man ihr näher kommen. Sie verhielt sich zwar den Gästen gegenüber freundlich, aber distanziert. Allein ihr Blick reichte, um sich einen blöden Spruch zu verkneifen. Vielleicht gefiel ihm gerade das. Er mochte keine Frauen, die leicht zu haben waren, die sich den Männern an den Hals hängten. Und Groupies, die den Sportlern auflauerten, um sich an diversen intimen Stellen, wie auf dem nackten Busen, auf dem Hintern oder anderen nackten Körperstellen, ein Autogramm geben zu lassen, waren ihm zuwider.

Christoph Lenders, in Österreich geboren, aufgewachsen allerdings in Kanada, weil sein Vater aus beruflichen Gründen dorthin ausgewandert war. Dort war er bereits im Kindesalter zum Football und später zum Profisport gestoßen. Er wurde als Auslandsspieler vom Team der VIKs gekauft und spielte seit drei Jahren in Österreich. Seine neue Heimat gefiel ihm. Auch von den Menschen mit ihrer ganz eigenen Mentalität war er angetan. Er hatte sich vor einem Jahr ein riesiges Haus auf dem Südhang des Rosenhügels in Wien gekauft. Für ihn allein war das Haus eigentlich viel zu groß, aber er genoss es, sich auszubreiten. Häufig bekam er Besuch von seinen Teamkollegen. Nach einem ordentlichen Saufgelage war es hilfreich, Gästezimmer anbieten zu können. Er respektierte seine Mitspieler, jeden einzelnen von ihnen, mitsamt den dazugehörigen Macken, die Spieler oft hatten. Nur wenn über die kleine Tänzerin gelästert wurde, verstand er keinen Spaß und hätte sich am liebsten mit jedem angelegt, der ein schlechtes Wort über sie verlor.
Er versank in seine Erinnerungen vor seinem Einsatz in Österreich. Damals liebte er Camilla über alles. Der Hochzeitstermin stand bereits fest. Zwei Wochen vor der Hochzeit war das letzte Auswärtsspiel für die Saison angesetzt gewesen. Um seiner Verlobten noch bei dringenden Vorbereitungen helfen zu können, wählte er einen früheren Flug. Er wollte sie überraschen. Dies war ihm auch gelungen.
Als er in die gemeinsame Wohnung kam, lagen im Vorraum verstreut diverse Kleidungsstücke herum. Stöhnende Laute drangen eindeutig aus dem Schlafzimmer. Seine Verlobte mit seinem besten Freund im Bett zu erwischen, damit hatte er nicht gerechnet. Verstört stürmte er aus der Wohnung, nahm sich ein Hotelzimmer und sagte bei seiner Familie und den anderen geladenen Gästen die Hochzeit ab. Die Welt stürzte für ihn ein. Unter Tränen und geheuchelten Entschuldigungen wollte Camilla ihn zurückgewinnen. So sehr er Camilla auch geliebt hatte, aber Fremdgehen, untreu sein, konnte er nicht verzeihen. Das Bild, wie sie sich mit seinem Freund vergnügt hatte, hatte sich fest in sein Gedächtnis eingebrannt und sein Herz zerstört. Erst nach der Trennung verrieten ihm einige seiner damaligen Kumpel, dass Camilla es mit der Treue nie so genau gehalten hatte. Einige seiner ehemaligen Spielerkollegen waren mit ihr in die Kiste gehüpft. Um zu vergessen, betrank er sich regelmäßig. Er ging keinem Streit und keiner körperlichen Auseinandersetzung aus dem Weg. Er zog sie geradezu an. Sein damaliger Coach sperrte ihn für einige Spiele und verbannte ihn in ein Trainingslager. Durch hartes Training und totale Alkoholabstinenz erholte er sich langsam, sowohl körperlich als auch psychisch. Kurz darauf wurde er an das österreichische Team verkauft. Das Beste was ihm passieren konnte. Weit weg von allem. In den letzten drei Jahren hatte er sich gut eingelebt, Freunde gefunden, sich ein neues Zuhause geschaffen, das Einzige, das ihm fehlte, war eine Frau an seiner Seite. Wärme und Geborgenheit, die nur eine Partnerschaft geben konnte. Aber wo fand man so jemanden. Wem konnte er vertrauen? Oh, tollen Frauen war er sehr wohl begegnet. Für eine Nacht wäre schnell eine bereit gewesen, sich mit ihm zu vergnügen. Auch sein Reichtum war dabei ein nicht zu übersehender Anziehungsmagnet. Doch keine vermittelte ihm das Gefühl, ihr jemals vertrauen zu können. Dabei wünschte er sich doch nichts Unmögliches. Seine Eltern waren seit beinahe vierzig Jahren glücklich verheiratet. Ihr Glück erarbeiteten sie sich in all den Jahren mit gegenseitigem Respekt, mit Liebe und Vertrauen.

„Hey Chris, bist du endlich fertig, wir warten nur noch auf dich. Dabei hab ich gedacht, dass du es gar nicht mehr erwarten kannst, die Eisprinzessin zu sehen“, spöttelte Tim.
Sein Kollege Timothy Smith riss Chris aus seinen Gedanken.
Er merkte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg, weil er sich ertappt fühlte.

„Ich komm ja schon, schließlich muss ich mich doch herausputzen für die Damenwelt.“

„Welche Damenwelt, du hast ja doch nur Augen für die eine. Weiß sie das eigentlich?“

„Was soll sie wissen?“

„Na, dass du auf sie stehst, du Idiot“, lachte Tim.
Sie packten ihre Taschen und eilten zu ihren Autos. Chris erwiderte nichts auf Tims Ansage, weil es ja stimmte und er sich nicht noch mehr Blöße geben wollte. Die Eisprinzessin, wie sie von allen genannt wurde, hatte etwas an sich, das ihm gefiel.
Im „Spleens“ gab es um einundzwanzig Uhr noch nicht den großen Ansturm. Den Spielern war das egal. Außerdem sollten sie in den Genuss einer Extravorstellung der Tänzerinnen kommen. Ihr Coach und der Sponsor hatten dies arrangiert. Ein riesiges Büfett sorgte für das leibliche Wohl.
Die Einrichtung des Lokals dominierte durch gerade Linien, viel Chrom und dunklem Holz. Die Tische standen in geraden Reihen mit einladenden Sitzbänken dicht aneinander. An der gegenüberliegenden Seite erstreckte sich eine lang gezogene Bar. Der Barkeeper ließ keine Wünsche offen. Wollte man sich mit einer Eroberung zurückziehen, reservierte man einfach ein Separee. Abgegrenzt durch dünne Wände war man ungestört. Chris hatte noch nie ein Separee beansprucht. Wozu auch. Seine Kumpel dagegen zogen sich im Laufe so manch fortgeschrittener Stunde mit ihren Auserwählten in diese Kämmerchen zurück. Meist endeten solche Begegnungen dann letztendlich entweder im Bett der Dame, seiner Kumpel oder in irgendeinem Stundenhotel.
Mittlerweile hatten sich auch die Frauen der Spieler zu ihnen gesellt. Bei den VIKs durchaus gewünscht und gern gesehen. Sie gaben den Männern Rückhalt, betreuten sie, wenn es ihnen nicht so gut ging, und unterstützten die gesamte Mannschaft. Sie waren eine große Familie. Auch das gefiel Chris. Das war durchaus ein Grund, warum er sich auf Anhieb bei den VIKs wohl und willkommen gefühlt hatte.
Ihr Head Coach Mark Jansen begrüßte alle. In seiner kurzen Rede beglückwünschte er seine Spieler zum Sieg und eröffnete gleich darauf das Büffet. Er war kein großer Redner. Aber auf lange Reden wären sie sowieso nicht scharf gewesen.