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Leseprobe:

 

Kapitel 1 

 

 

Regentropfen prasselten gegen die Fensterscheiben, klatschten auf die Fensterbänke, auf die Dächer. Seit Tagen das gleiche trostlose Bild. Regen. Grau in Grau. Tief und bedrohlich hingen die Wolken in der Landschaft. Ab und an bot das Leben nur Mühsal und Trostlosigkeit. Annemarie Seiberts, von jedem nur Anne genannt, hielt das Buch, in dem sie gelesen hatte, noch in der Hand, ihre Gedanken schweiften allerdings weit ab, der Blick hing am trostlosen Ausblick des Fensters. Den Inhalt des Lesestoffes hatte sie nicht mehr registriert seit Anfang der aufgeschlagenen Seite …

Ihre Gedanken hingen in der Vergangenheit vor sechs Jahren, zu einer Zeit, wo ihre Hoffnungen noch groß waren und sie die Welt noch durch eine rosarote Brille betrachtete. Mit ihren zwanzig Jahren und abgeschlossenem Abitur, wünschte sie sich in einem Unternehmen die Karriereleiter emporzusteigen. Sie gehörte dem Führungsteam an. Eine schicke Wohnung und natürlich Designermode durfte sie ihr Eigen nennen. Leider nichts als schöne Träume.

Kein Dienstgeber gab ihr eine Chance. Eine Absage nach der anderen fand sich im Postkasten. Die Abhängigkeit zu ihren Eltern drückte immer mehr auf das Gemüt. Das kleine schmuddelige Zimmer, mit den uralten Möbeln, das sie im Elternhaus seit Kindertagen bewohnte, verdrießte zusätzlich ihre Laune. Ihr Vater war Alleinverdiener. Mit seinem Einkommen kam die Familie gerade mal über die Runden. Mutter weigerte sich vehement eine Arbeitsstelle zu suchen.
Annes Freund, der als Barkeeper sein Geld verdiente, verhalf ihr zu einem Job als Serviererin im selben Nightclub. Er fand es toll, die selbe Arbeitsstelle und Arbeitszeit zu haben. Anne nahm den Job an. Das eigen verdiente Geld lockte zu sehr. Eine andere Stelle suchen, wollte sie auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Ihre Eltern waren darüber alles andere als erfreut gewesen. Letztendlich gaben sie sich geschlagen, weil auch ihnen damit finanziell geholfen wurde.
In ihrer naiven Verliebtheit ließ sie sich damals auf ihren Traummann ein, der ihr die Sterne vom Himmel versprach. Alle Warnungen zum Trotz vertraute sie ohne Wenn und Aber. Verschenkte ihre Jungfräulichkeit.
Das Glücksgefühl überwältigte sie. Sie lernte eine vollkommen neue Welt kennen. Menschen, die ihre Freiheit genossen, feierten und die Nacht zum Tag machten. Bald schon zählte sie die übrigen Angestellten und die Show-Girls zu ihrem Freundeskreis.
Die Suche nach einer ausbildungsgerechten Arbeitsstelle wurde verschoben und irgendwann vergessen …

 

Das Sturmläuten der Haustürglocke riss Anne aus ihren Gedanken. Sie brauchte einige Sekunden, um wieder im Hier und Jetzt anzukommen. Beim dritten Klingeln rappelte sie sich hoch. Sie erwartete niemanden. Schon gar nicht um diese Uhrzeit. Eventuell Marika, die eine Etage über ihr wohnte, überlegte Anne. Sie war im Lauf der letzten Jahre ihre beste Freundin und Vertraute geworden.
Kaum hatte Anne die Tür geöffnet, huschte der quirlige Blondschopf an ihr vorbei. Ihre hellblauen Augen strahlten sie an. Marika war ein zierliches Persönchen, jedoch voller Temperament.

„Na endlich, ich dachte schon, ich muss hier draußen versauern“, plapperte Marika los. „Hast du geschlafen, komm ich ungelegen?“
Sie wirbelte herum, um Anne genauer zu inspizieren.

„Nein und nein“, antwortete Anne lachend. „Ich habe gelesen und bin mit meinen Gedanken in die Vergangenheit abgeschweift, wie so oft in letzter Zeit.“
Im Gegensatz zur lebhaften Marika wirkte Anne ruhig, eher in sich gekehrt. Das Vertrauen in die Menschen hatte sie verloren und verhielt sich allen gegenüber eher reserviert. Marika ließ sich dadurch jedoch nicht abschrecken und so wurden die beiden, doch so unterschiedlichen Wesen, dicke Freundinnen.

„Hör doch auf zu grübeln, das bringt doch nichts mehr, wenn du in der Vergangenheit lebst. Versuch endlich zu vergessen, suche dir einen Freund, lass dich wieder auf eine Beziehung ein oder lach dir einen für eine Nacht an. Hab wieder Spaß. Und denk doch, hättest du damals anders reagiert, gäbe es heute deine kleine Sophie nicht. Sie ist doch alles Erlebte wert, oder? Und du hast es wirklich gut hingekriegt, die Erziehung meine ich. Passt doch alles. Wo ist der kleine Wirbelwind eigentlich?“

„Sie ist bei Marie. Ich habe ihr erlaubt, bei ihr zu übernachten. Marie hat Geburtstag und sie wollen eine Pyjamaparty veranstalten. Maries Mama bringt sie morgen gegen Mittag wieder nach Hause. Du hast heute also sturmfreie Bude und kannst dir selbst jemanden abschleppen, wenn wir schon beim Thema sind“, konterte Anne schnell.

„Jaja, lenk nur ab“, lachte Marika. Sie war zwar auch kein Beziehungsmensch und wollte keinen festen Partner, aber sie genoss die anonymen One-Night-Stands.

„Warum ich eigentlich hier bin! Ich brauche dringend Kaffee und Zucker, meiner ist nämlich alle und in ein paar Minuten kommt Gregor vorbei, um mir meine neue Vorhangstange zu montieren. Du weißt ja, wie kaffeesüchtig dieser Mensch ist.“
Die Hektik war aus Marikas Tonfall nicht zu überhören. Wild gestikulierte sie mit ihren Händen, um die Dringlichkeit des Gesagten zu unterstreichen.
Gregor wohnte auch im selben Wohnblock. Seiner Hilfe konnte sich jeder sicher sein. Er war ein Bild von einem Mann, groß, mit dunkelbraunem Haar und ebenso dunkelbraunen, warmen Augen. Er war mit vielen Frauen befreundet, liebte jedoch nur Timor, seine zweite Hälfte. Timor glich durch seine beachtliche Größe, dem Äußeren nach, einem Bären. Innerlich war er ein Softie. Er war der Ruhepol in der Beziehung. Die beiden gaben ein gutes Team ab. Als sie ihre Partnerschaft auch von Gesetzes wegen amtlich eintragen durften, veranstalteten sie eine riesengroße, mit allen Raffinessen geplante Hochzeitsfeier. Zweihundert Personen, auch Anne, Marika und natürlich die kleine Sophie zählten zu der erlesenen Gästeschar. Sie strahlten so viel Liebe und Harmonie aus, dass Anne oftmals der Neid überkam.

 

Gregor liebte Kaffee über alles und verlangte ihn frech als Belohnung, wenn er kleine Gefälligkeiten für die anderen Hausbewohner erledigte, wie eben Vorhangstangen montieren.
Marika war so absolut keine Kaffeetrinkerin. Sie liebte Früchtetees in allen Variationen. Daher wanderte Kaffee nicht automatisch in ihre Einkaufstasche.

„Hast du wieder einmal den Kaffee vergessen? Was ist, wenn ich bei dir unbedingt einen Kaffee trinken möchte, muss ich ihn mir dann zuerst selbst kochen und mitnehmen?“, stichelte Anne belustigt.
Die kleine Neckerei zauberte beiden ein Lächeln ins Gesicht.

„Nun mach schon, du weißt ja, Gregor ist immer überpünktlich“, drängte Marika und stürmte voraus in Annes helle, gemütliche Küche.
Ohne auf Anne zu warten, griff sie nach der Kaffeepackung, die im rechten Schrank neben der Anrichte stand. Sie holte sich auch aus dem unteren rechten Schrank den Zucker. Anne lehnte am Durchgang zur Küche und beobachtete amüsiert Marikas hektisches Treiben. Ihre Freundin entschädigte sie dafür mit ihrer uneigennützigen Hilfe. Marika betreute ihre kleine Tochter, wenn sie selbst zur Arbeit musste und stand ihr bei Problemen immer zur Seite. Weswegen sie nie Dinge von ihr zurückverlangte, die sich Marika wegen ihrer Vergesslichkeit ausborgte und ebenso vergaß, diese wieder zurückzubringen.

„Tschüss und danke“, keuchte Marika und war schon wieder zur Tür hinausgeeilt.
Anne huschte ein Lächeln über ihre Lippen. Ein Lächeln, das von innen kam und ihr Gesicht erstrahlen ließ. Ihre bernsteinfarbenen Augen leuchteten und Lachfältchen umschmeichelten diese. Es tat gut, so eine Freundin zu haben. Sie gab Halt, den Anne dringender benötigte, als sie es selbst wahrhaben wollte.

Noch immer regnete es in Strömen. Zeit zum Umziehen. Anne begab sich ins Badezimmer, nahm eine ausgiebige Dusche und huschte in ihr kleines Schlafzimmer. Heute würde sie wohl mit der U-Bahn zur Arbeit fahren. Sie fuhr nicht gerne mit der U-Bahn, überhaupt nicht in der Nacht. Zu viele Obdachlose, Betrunkene oder Junkies hielten sich dort auf. Bei diesem Wetter blieb ihr leider keine andere Wahl. Mit dem Auto zu fahren, kam für sie nicht infrage. Der Sprit war zu teuer und es gab keine freien Parkplätze. Die nächste U-Bahnstation lag bei ihrem Häuserblock gleich um die Ecke. Ihr Dienst fing täglich um zwanzig Uhr an. Sie begann zuerst ihre Schicht als Bedienung und wechselte dann in die Showgruppe, die mit ihrem Auftritt ab dreiundzwanzig Uhr das Publikum begeisterte. In der Regel fand nur eine Aufführung am Abend statt. Die Bar hatte durchgehend bis fünf Uhr geöffnet. Anne machte nur hin und wieder Schlussdienst, wenn jemand ausfiel oder noch besonders viele Gäste anwesend waren …

Das war nicht immer so gewesen, erinnerte sich Anne nun. Ihre Erinnerungen an diese Zeit lebten abermals auf und ließen sie heute nicht los. Sie wollte sie wieder zurückdrängen in die hinterste Schublade. Wenn das nur so einfach wäre. Sie fragte sich, was damals schiefgelaufen war? Warum sie nicht erkannt hatte, wo ihr Leben hinführen würde. In Gedanken hörte sie das aufgedrehte Lachen der Gäste, als wäre es heute. Die ständigen Partys gaukelten ihr ein sorgenloses Leben vor. Ihr Freund liebte dieses Leben. Immerzu Spaß zu haben, war sein einziges Lebenselixier. Nach einiger Zeit beschloss Anne, zu ihm in die Wohnung zu ziehen. Zu Hause hielt sie sich kaum noch auf. Als sie ihren Eltern diesen Entschluss mitteilte, reagierten diese total schockiert. Trotzdem packte sie ihre Habseligkeiten zusammen, die vor allem aus Kleidung und einigem Krimskrams bestanden.
Annes Eltern lehnten Klaus ab. Für ihre einzige Tochter wünschten sie sich einen besseren Schwiegersohn.
Klaus mied die wenigen Besuche bei ihren Eltern unter einem fadenscheinigen Vorwand oder erfand eine simple Ausrede.

„Du weißt, mich turnt dieses Geschwafel ab. Ich halt mit meinen Alten keinen Kontakt, warum sollte ich mit deinen welchen haben.“
Und sie? Sie akzeptierte es. Anne himmelte Klaus an. Nie hinterfragte sie, ob das alles gut gehen konnte.
Sie fühlte sich erwachsen und selbstständig, hatte eigenes Geld zum Shoppen. Endlich durfte sie sich Kleider kaufen, ohne auf den Preis zu achten. Mit ihrem gutaussehenden Freund an der Seite, konnte sie Spaß haben. Er sah das Leben von der lockeren Seite, machte sich keine Gedanken um die Zukunft. Warum auch? Nur kein Stress. Alles ist easy …

Nach etwa einem Jahr des Zusammenlebens, die glücklichste Zeit ihres Lebens, wie sie damals dachte, traten die ersten Probleme auf. Klaus ging immer öfter ohne sie aus. Verprasste mehr Geld, als er verdiente, begann mit Glücksspielen. Verlor dabei. Immer öfter musste sie alleine für die Miete aufkommen. Bei der Arbeit flirtete er ungeniert mit weiblichen Gästen oder mit den Show-Girls. Deswegen gab es zwischen ihnen immer öfter Streit. Genauso oft versöhnten sie sich wieder – zumindest anfangs.

Trotz Verhütung stellte Anne eines Tages fest, dass sie schwanger war. Nach dem ersten Schock überwiegte jedoch die Freude. Sie kochte für Klaus das Lieblingsessen, deckte den Tisch festlich und wartete bis er nach Hause kam. Sie wollte ihn überraschen. Wie er wohl reagieren würde? Sie hoffte, dass er sich genauso darüber freute, wie sie …

„Das ist ein Scherz, oder? Von mir ist das ja wohl nicht.“
Mit diesen Worten war er auf und davon und mit ihm das restliche Ersparte. Dafür hinterließ er ihr einen riesigen Batzen Schulden und unbeglichene Rechnungen. Zu tief saß der Schock bei Anne, um sofort zu reagieren. Alleine der Vorwurf, das Kind sei nicht vom ihm, hatte sie komplett aus der Bahn geworfen. Die erste Zeit verkroch sie sich im Bett und ließ den Tränen freien Lauf. Sie wusste nicht, dass sie so viel Flüssigkeit in sich hatte. In der Bar meldete sie sich krank.
Selbst ihre Eltern brachen den Kontakt mit ihr ab, als sie von Annes Schwangerschaft erfuhren.

„Schau, wie du zurechtkommst, hast ja nicht auf uns hören wollen. Dein nichtsnutziger Freund wird dich wohl unterstützen …“
Ja, von seiner Seite wird es nie eine Unterstützung geben, aber das behielt Anne für sich.
Ihre Eltern erfuhren nie, dass sie verlassen worden war. Warum auch? Sie hätten sowieso kein Verständnis aufgebracht. Und Mitleid? Das war das Letzte, was sie wollte. Aber wenn sie ehrlich zu sich war, hätte sie nicht einmal das von ihren Eltern erwarten können.

Die ersten Monate verschwieg sie, so gut es ging, jedem ihre Schwangerschaft, verbarg ihren immer runder werdenden Bauch unter weiten T-Shirts, weit schwingenden Röcken, locker sitzenden Hosen. Irgendwann half auch das nicht mehr, sie musste ihrem Dienstgeber reinen Wein einschenken. Dieser verhielt sich wider Erwarten sehr fair. Zwei Monate vor der Entbindung ging sie in Mutterschutz. Ihr Boss verhalf ihr zu einer kleineren, günstigeren Wohnung. Mittellos, wie sie war, konnte sie sich die vorige Wohnung nicht mehr leisten. Ihre damaligen Arbeitskollegen und Freundinnen überraschten sie mit einer Grundausstattung an Babykleidung, Wäsche, Windeln und vieles mehr. Sie organisierten für sie einen gebrauchten Kinderwagen, ein Gitterbettchen, einen Wickeltisch und noch einige andere wichtige Dinge. So kam sie günstig zu einer Babygrundausstattung. Anne lebte in dieser Zeit sehr sparsam. Den Schuldenberg stotterte sie langsam, aber kontinuierlich ab. Oft hatte sie nicht einmal genug zu essen. An diese Zeit dachte sie nicht gerne zurück, behielt sie jedoch in Erinnerung. Sie schwor sich, sich nie mehr dermaßen auf einen anderen Menschen einzulassen.

Nach Sophies Geburt blieb Anne ein Jahr zu Hause. Danach suchte sie einen neuen Job in einem Büro oder im Verkauf. Zurück in die Bar als Kellnerin wollte sie eigentlich nicht mehr. War die Stellensuche schon schwierig, als sie noch unabhängig war, schien es mit Kind eine ausweglose Situation. Es blieb ihr keine andere Alternative, als zu ihrem ehemaligen Dienstgeber zurückzukehren. Dort konnte sie sofort wieder die Arbeit aufnehmen. Zu dieser Zeit war Marika bereits ihre Freundin und sofort begeistert, als Anne sie bat, nachts ihre Tochter zu beaufsichtigen. Tagsüber arbeitete Marika Teilzeit in einem „New Age Shop“ und nachts übernahm sie die Aufsicht für Sophie.

Als sich eine Tänzerin verletzte und für längere Zeit ausfiel, beorderte der Barbesitzer Anne, für die Tänzerin einzuspringen. Geplant war zuerst nur, während der Zeit der Verletzungspause, aber Anne lernte schnell und bewies wirklich Talent. Bei den Tänzerinnen war sie durch ihre unkomplizierte Art sowie ihren Ehrgeiz beliebt und so verblieb sie in der Showgruppe. Sie verdiente dadurch mehr. Am Anfang hatte Anne Hemmungen, in den knappen Kostümen, auch hin und wieder oben ohne, aufzutreten. Noch nach so vielen Jahren, wenn sie jemand fragte, was sie beruflich mache, gab sie an, als Kellnerin tätig zu sein. Das Tanzen verschwieg sie.

Seit der Trennung hatte sie keine Beziehung mehr gehabt. Kein Mann hatte es seither geschafft, ein Date mit ihr zu vereinbaren. Sie war zu misstrauisch. Alleine für alles verantwortlich zu sein, war sie gewohnt. Sich selbst konnte sie vertrauen. Ihr Herz trug eine tiefe Narbe. Niemals mehr mochte sie sich so verletzen lassen. Solche Demütigungen konnten nur andere einem zufügen. Vor allem von ihren Eltern fühlte sie sich verraten und im Stich gelassen. Sie hatte gelernt, dass es viel besser war, für alles selbst verantwortlich zu sein und sich auf niemanden zu verlassen.
Unter den Kollegen und auch unter den Gästen hatte sie den Spitznamen Eisprinzessin erhalten. Es war ihr egal. Sollten sie sie nennen, wie sie mochten. Anne hatte gelernt, mit lästigen und aufdringlichen Gästen umzugehen. Sie hatte immer eine spitze Bemerkung parat, sollte ihr jemand auf den Hintern grapschen. Gab es Beschwerden über ihre Unhöflichkeit und Abweisungen, stritt sie sich sogar mit ihrem Chef. Die Tänzerinnen wurden häufig von den männlichen Gästen in die Separees, kleine abgegrenzte dunkle Nischen, eingeladen. Anne nahm keine dieser Einladungen je an. Nicht einmal damals, als ihr Chef dies ausdrücklich von ihr verlangte, weil ein hoch angesehener Stammgast ihm für seine Unterstützung ein hohes Sümmchen angeboten hatte. Anne marschierte zielstrebig an den Tisch dieses Herrn, schüttete ihm sein Glas Champagner ins Gesicht.

„Ich suche mir meine Begleitung selbst aus, wenn ich glaube, eine zu benötigen.“
Damit drehte sie sich um und ließ besagten Gast wie einen begossenen Pudel zurück. Sie packte ihre Sachen zusammen, in dem Wissen, nun endgültig gefeuert zu werden. Ihr Chef ließ sie auch sofort in seinem Büro antanzen.

„Anne, Anne, was soll ich denn mit dir machen? Du vergraulst mir ja noch sämtliche zahlenden Gäste. Mädchen, wir arbeiten im Dienstleistungsgewerbe, der Kunde ist König und wir sind für die Könige da …“
Anne spulte gedanklich die Rede ihres Chefs mit, da sie jedes Wort schon zum tausendsten Mal gehört hatte. Max drohte ihr schließlich endgültig mit Entlassung, sollte er nochmals von ihr in so eine unmögliche Situation gebracht werden. Dann würde er keine Rücksicht mehr nehmen. Damit wurde sie wieder auf ihren Arbeitsplatz entlassen. Seit diesem Vorfall vor ungefähr einem halben Jahr gab es keine ähnlichen Situationen mehr. Der Großteil der Stammgäste kannte sie gut genug, um ihr keine zwielichtigen Angebote zu machen, und bandelte lieber mit den freizügigeren Damen an.

Anne schloss den Regenschirm und schüttelte die Nässe aus ihm heraus. Die kalte Feuchtigkeit kroch bis auf die Haut. Sie betrat die Bar durch den Personaleingang. Die aufgeregten Stimmen von Kurt, dem Barkeeper und von Thorsten, dem Chef de Rang, drangen zu ihr. Im Umkleideraum herrschte reges Treiben. Kurt und Thorsten berichteten, dass das österreichische Footballteam heute Plätze reserviert hatte, um ihren Sieg zu feiern. Sie gaben dem Personal genaue Anweisungen, die Aufteilung unter den Kellnern wurde vorgenommen und die Tänzerinnen wurden zu einer Extravorstellung fürs Footballteam verdonnert. Anne war verärgert. Extravorstellung. Sie wollte heute früher ins Bett, damit sie morgen zu Mittag, wenn Sophie nach Hause gebracht wurde, fit und ausgeschlafen war. Das konnte sie sich jetzt abschminken. Einige Spieler vom Footballteam hatten schon des Öfteren in der Bar gefeiert. Immer sehr ausgelassen, mit viel Alkohol, wenig Benimm und noch weniger Anstand. Sportler waren Anne ein Dorn im Auge, besonders Footballspieler.