Lindenhof - Der beschwerliche Weg zurück - Veröffentlichung im Oktober 2019

Klappentext:

 

 

Antonia Morbach, Spitzname Toni, ist 25 Jahre alt und seit einem tragischen Unfall vor zwei Jahren, bei dem ihre Eltern ums Leben kamen, gelähmt. Ihr Großvater, Arthur Morbach, ein renommierter Pferdezüchter, leitet das Gestüt Lindenhof, das sich seit jeher im familiären Besitz befindet. Toni liebt die Pferde und ihr Zuhause über alles. Den Lindenhof zu übernehmen, ist ihr Wunsch. Jedoch hält ihr Großvater stur an seinen veralteten Ansichten fest. – Nur männliche Nachkommen sind Erb berechtigt. Lieber verkauft er, als es seiner Enkelin, einer Frau, die noch dazu an den Rollstuhl gefesselt ist, zu übergeben. Als Jan Ollson am Lindenhof auftaucht, um den Hof zu kaufen, überschlagen sich die Ereignisse.

Leseprobe:

 

Die Sonne kroch langsam hinter der kleinen Anhöhe empor und verwandelte den Himmel in ein rot-violettes Meer. Noch lange war der Feuerball nicht vollständig zu sehen und doch verdrängte er die Nacht.

Maximilian Storch, die Kappe tief in die Stirn gezogen, seines Zeichens auszubildender Pferdewirt im dritten Lehrjahr mit Schwerpunkt Zucht und Service, bog um die Ecke der langgezogenen Scheune. Er war spät dran. Höchste Zeit, sich an die Arbeit zu machen. Zielstrebig steuerte er auf die Pferdeboxen zu. Die beiden Stallburschen Janosch und Igor arbeiteten bereits auf Hochtouren, um die Boxen zu reinigen und frisches Stroh auszubringen. Im dumpfen Lichtstrahl, der aus der Deckenlampe fiel, entdeckte er Toni an der Box von Amigo.

„Guten Morgen, Toni. Schon so früh hier draußen?“

„Dir auch einen guten Morgen, Max. Du kennst mich ja. Mit dem Schlafen habe ich es nicht so. Kannst du mir bitte Amigo satteln? Wir beide benötigen dringend Auslauf, du verstehst, was ich meine“…

 

Arthur Morbach, Gutsherr seit mehr als vierzig Jahren, liebte diese frühe Morgenstunde. Die frische Luft sog er tief in seine Lungen. Sie befüllte seinen Körper mit Sauerstoff, belebte ihn. Die Müdigkeit machte neuem Tatendrang und kraftvoller Energie Platz. Stolz ließ er den Blick über sein Anwesen schweifen. Er war auf dem Weg zu den Stallungen. Zu seiner Rechten lagen die riesigen Weideflächen, die Koppeln und die Turnierplätze. Hinter ihm ragte das mattgelbe, zweistöckige Herrenhaus mit seinen Gesimsen, den Anbauten und dem Satteldach mit den zahlreichen Gauben in die Landschaft. Laut einer alten Urkunde wurde der Bau siebzehnhundertfünfundfünfzig errichtet und im neunzehnten Jahrhundert im Spätbarockstil umgestaltet. Im zweiten Weltkrieg zerstörte es ein Bombenhagel beinahe zur Gänze. Beim Wiederaufbau erweiterte man es durch die Anbauten und Gesimse. Seit jeher verweilte das Gebäude im Besitz seiner Familie.

Zur Linken erstreckten sich die Wirtschaftsgebäude, mit den länglichen Backsteinbauten, in denen zwei unterschiedlich große Reithallen und die Boxen für die hundert Pferde, die sich zurzeit am Hof befanden, untergebracht waren. Inmitten eines riesigen Rondells ragte die dreihundert Jahre alte Linde als Wahrzeichen gen den Himmel, die dem Hof den Namen verlieh – „Lindenhof“. Drumherum breitete sich eine gepflasterte Fläche aus, die das Herrenhaus und die Stallungen miteinander verband.

Arthur Morbach atmete tief ein. Er nahm den speziellen Duft von Pferden, Heu und Natur wahr, der hier allgegenwärtig in der Luft lag. Kurz schloss er die Augen. Stolz über sein geschaffenes Lebenswerk breitete sich in ihm aus, bevor sich jedoch Melancholie und Traurigkeit Raum verschafften und über sein Gemüt legten. Der Entschluss, den er vor einigen Tagen schweren Herzens getroffen hatte, knabberte an seinem Gewissen. Das entscheidende Telefonat dazu lag ihm tonnenschwer im Magen, wie Blei. Allzu gerne hätte er das Gestüt weitergeführt, so wie bisher. Nur sein fortgeschrittenes Alter von achtundsiebzig Jahren ließ dies nicht mehr zu. Seine Knochen schmerzten, wenn er morgens aus den Federn kroch. Die Arthritis verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Die roten Zahlen, die sein Unternehmen seit zwei Jahren schrieb, bereiteten ihm ebenso Sorgen wie so vieles andere mehr. Er schnaufte. Den Kopf hängen zu lassen, war noch nie sein Ding gewesen. Er streckte sich durch, vergrub seine kalten Hände tief in den Taschen seiner dunkelgrauen Steppjacke und marschierte weiter zu den Stallungen. „Guten Morgen Max“, begrüßte er den Burschen laut. Als dieser seinen Namen vernahm, streckte er den Kopf aus einer der Boxen. „Guten Morgen, Herr Morbach. Heute scheint’s, wird ein prächtiger Tag. Die Tiere sind auch gut gelaunt.“ Max schob seine Kappe zurück.

„Hast du Toni gesehen?“ Der barsche Ton, ohne auf das Geplauder zu achten, ließ Max zusammenzucken.

„Ist ausgeritten. Als ich heute Morgen meinen Dienst angetreten habe, war mein erster Job, Amigo zu satteln. Die beiden waren guter Dinge. Amigo konnte es kaum erwarten, mit Toni davon zu galoppieren.“ Innerliche Genugtuung verschaffte sich Raum. Max hatte Mühe, sein schadenfrohes Grinsen zu verbergen. Er wusste, dem alten Herrn missfiel es, wenn Toni alleine ausritt.

„Toni soll sofort zu mir kommen, es pressiert!“ Morbach wandte sich wenig begeistert ab und stapfte in den angrenzenden Stall, wo sich die Jungtiere befanden. Die Fohlen entstammten alle der eigenen Zucht. Es waren Prachttiere, mit viel Adel, Anmut und Ausstrahlung, charaktervoll, intelligent, ausdauernd und leistungsstark. Morbach hatte sich auf die Züchtung des „Österreichischen Warmblutpferdes“ spezialisiert. Diese Gattung ist ein treuer Gefährte für die Freizeit, vor allem aber auch ein verlässlicher Partner in allen Sparten des Pferdesports. In Kennerkreisen ist es das Reit- und Sportpferd schlechthin! Gemäß der Österreichischen Warmblutzucht versuchte er aus verschiedenen Pferdepopulationen wie Edles Warmblut, Altösterreichisches Warmblut, Englisches Vollblut, Trakehner, die besten Merkmale zu festigen und zu einem optimalen Reitpferd zu vereinen.

Sein Zuchtziel war ein edles, korrektes und leistungsstarkes Warmblutpferd mit schwungvollen, raumgreifenden, elastischen Bewegungen und gutem Springvermögen, das aufgrund seines Temperamentes, seines Charakters und seiner Rittigkeit für Reitzwecke jeder Art geeignet war. Grundsätzlich sind Warmblutpferde bekannt dafür, für die Dressur, das Springen, die Vielseitigkeit und das Voltigieren gleichermaßen gut geeignet zu sein. Morbach legte vor allem Wert auf Dressur und Springen bei der weiteren Ausbildung. Die Farben der Tiere variieren. Es gibt sie als Rappen, Schimmel, Füchse und Braune und sogar manchmal als Schecken. Hier am Lindenhof trafen speziell reine englische Vollblüter, elegant und vornehm, auf Araber, ausdauernd und leistungsstark und Warmblüter mit kräftigem Körperbau, ausgeglichen und dem gewissen Temperament aufeinander. Vor Jahren hatte er einen mehrfach ausgezeichneten Trakehnerhengst teuer erstanden. Seine Nachfahren sorgten für den Fortbestand und viele Auszeichnungen. Die Tiere wurden hochpreisig angeboten. Aus seinem Gestüt entstammten viele medaillenträchtige Sportpferde. Sein Name war in Zuchtkreisen wohlbekannt und gefragt. Andächtig streichelte er den Kopf des fuchsfarbigen Haflinger-Fohlens, dessen runde dunkle Augen ihn neugierig bestaunten. Diese Zuchtlinie verfolgte ihre eigenen Zwecke und brachten als zweites Standbein des Gutes beachtliche Einnahmen. Haflingern sagt man Cleverness und Zuverlässigkeit nach. Sie zeichnen sich durch einen ruhigen, geduldigen, kontaktfreudigen, sensiblen Charakter aus. Demnach eignen sie sich besonders für Therapiezwecke, als Freizeitpferde oder als Schulpferde. So wurden auf seinem Gestüt seit vielen Jahren auch Reitkurse für Kinder angeboten. In den Sommerferien boten Camps den Kleinen für zwei bis drei Wochen, je nach Wunsch, Erholung, Entspannung und Abenteuer auf dem Rücken der zutraulichen, intelligenten Tiere. Um beide Bereiche des Betriebes bewirtschaften zu können, benötigte er insgesamt sehr viel Personal, das den Hof in Schuss hielt. Pferdemeister, Gutsverwalter, Pferdewirte, Stallburschen, Haushaltskräfte und speziell geschulte und ausgebildete Reitlehrer. Seine Schwiegertochter hatte den Therapie-Zweig des Unternehmens groß aufgezogen, gewinnbringend gestartet und gemanagt. Durch den tragischen Unfall vor zwei Jahren wurden sie und sein Sohn leider allzu früh aus dem Leben gerissen. Und seitdem ging es mit dem Unternehmen stetig bergab. Seine Hand verweilte am weichen Kopf des Fohlens. Dieses unschuldige Wesen wusste das alles nicht. „Glückliches Tier“, flüsterte er. Er machte sich auf den Weg zurück ins Haus. Zeit für das Frühstück. Als er ins Freie trat, eilte sein Gutsverwalter auf ihn zu.

„Einen prachtvollen guten Morgen, Herr Morbach. Schon wieder so früh auf den Beinen? Ist alles in Ordnung?“

„Guten Morgen Sepp, na ja, alles beim Alten. Wo kommst du her?“

„Von der oberen Weide. Da ist ein Loch im Zaun, das muss heute noch repariert werden, bevor wir die Muttertiere mit den Fohlen hinauftreiben. Ach ja, und die Futterbestellung liegt auf Ihrem Schreibtisch zur Unterschrift. Das muss heute noch gefaxt werden. Bitte unbedingt dran denken.“

Arthur Morbach bestätigte dies mit einem Nicken und machte sich auf den Weg ins Haus.

 

„Was wollte der Alte schon so früh hier draußen?“, wandte sich Josef Brenner, von allen Sepp gerufen, an Max, der soeben um die Ecke bog, eine Karre voll Hafer vor sich herschiebend.

„Hat nach Toni gefragt, danach war er nebenan bei den Fohlen. Da liegt was im Busch, sag ich dir. Wenn das stimmt, was mir Marie erzählt hat … - ui ui, da sieht es schlecht mit dem Gestüt und uns aus.“

„Ach was du und Marie euch wieder zusammenreimt …“

„Nein, ehrlich, sie hat doch vor drei Tagen zufällig ein Telefonat mitgehört, wo eindeutig die Rede davon war, dass er vorhat, zu verkaufen.“

„Wer weiß, was er verkaufen will“, winkte Sepp genervt ab.

„Das Gestüt will er verkaufen! Himmel, das Gestüt“, polterte Max. „Sie hat es doch selbst gehört und ist dann gleich zu mir gelaufen. Wenn dieses Unglück vor zwei Jahren nicht passiert wäre …“

„Wäre Marie nicht [, du tätest noch immer ohne Freundin herumlungern“, machte sich Sepp lustig, schüttelte den Kopf und lies Max stehen.

„Ja, ja, lach nur, wirst auch noch merken, dass ich recht habe“, polterte dieser hinterher. Er hob die Karre hoch und verschwand mit ihr in der Box von Amigo, um alles für ihn vorzubereiten, wenn er vom Ausflug wieder zurückkam. Der zehnjährige Trakehnerhengst war für sein stürmisches Temperament, aber auch für seine Zuverlässigkeit und Intelligenz bekannt. Max liebte dieses eigenwillige Wesen. Er fühlte sich zu ihm hingezogen, hatte er ihn doch schon als Fohlen gekannt und heranwachsen sehen. Er durfte bereits als Schulkind hier am Hof das Reiten erlernen. Seine gesamten schulfreien Tage und Ferien verbrachte er hier und half bei allen Arbeiten mit. Sofort nach der Schulpflicht hatte er hier seine Lehre begonnen. Reiten durfte Amigo nur Toni. Das war von Anfang an so. Die Bereiter hatten ihre liebe Not mit dem Tier gehabt, außer Toni …

 

Punkt zehn Uhr zeigte die alte, mit Intarsien verzierte, Kirschholz-Pendeluhr an. Keine Minute zu früh. Herr Morbach segnete soeben die letzte Bestellung mit seiner Unterschrift ab, als es klopfte und sich die schwere Holztür zum Salon öffnete.

„Herr Morbach, Ihr Termin ist jetzt da“, vermeldete Marie.

„Gut, schicken Sie ihn gleich rein und geben Sie Sepp Bescheid, dass die Bestellungen zum Faxen fertig sind. Ach ja, und Toni …“

„… ist schon zurück und kommt bald“, ergänzte Marie, ohne den Gutsherren aussprechen zu lassen. So ungeduldig kannte sie ihn nicht. Sie trat einen Schritt beiseite, um dem jungen Mann, der die ganze Zeit hinter ihr gestanden hatte, eintreten zu lassen. „Bitteschön, Herr Morbach erwartet Sie.“ Mit raschen Schritten entfernte sie sich.

Der Mann trat ein und reichte Herrn Morbach, der ihm um den Schreibtisch herum entgegengekommen war, zur Begrüßung die Hand.

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Herr Morbach. Ich bin Jan Ollson.“

„Schön, dass Sie den weiten Weg auf sich genommen haben, um sich das Gestüt anzusehen. Wie war die Fahrt?“

„Recht angenehm. Zum Glück war jetzt am Wochenende doch weniger Verkehr als befürchtet. Neun Stunden, allerdings mit Pausen, fährt man dann doch.“

„Oh, dann mussten Sie ja schon mitten in der Nacht losfahren?“

„Nein, ich bin bereits gestern angereist und habe mir in einer Frühstückspension ein Zimmer gebucht“, erklärte Jan.

„Okay, Sie sind also fit und bereit, sich mein Angebot anzuhören. Bevor wir jedoch beginnen, müssen wir noch auf Toni warten. In der Zwischenzeit erzählen Sie mir doch einmal Ihre Beweggründe. Was veranlasst jemanden aus Osnabrück dazu, ein Gestüt in Österreich kaufen zu wollen. Das ist ja nicht der nächste Weg?“

Jan setzte soeben zu einer Antwort an, als sich die schwere Holztür öffnete und eine Frau in einem Rollstuhl hereinrollte.

„Na endlich Kind, da bist du ja. Das wurde aber auch Zeit“, beschwerte sich der alte Herr. Seinem Tonfall war jedoch nicht zu entnehmen, wie ernst er die Rüge meinte.