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Leseprobe

Kapitel 1

Fröhliches Kinderlachen klang aus dem Spielzimmer im ersten Stock. Kurz darauf stürmten die knapp dreijährigen Zwillinge aufgeregt die Treppe herunter.

„Mami, Mami, Malika will uns naschen“, keuchend polterten sie schutzsuchend in die Küche, so schnell sie ihre kurzen Beinchen tragen konnten.
Marika Schröder, das Kindermädchen, kam lachend hinterhergelaufen. Ihre blonden Haare standen wirr vom Kopf. Aus den blauen Augen blitzte der Schalk. Aufgekratzt ließ sie ihren zierlichen Körper auf den Küchenstuhl plumpsen. Die Zwillinge, Lea und Tom, spähten hinter dem Rücken ihrer Mutter, Anne Lenders, hervor. Ihre Wangen leuchteten dunkelrot. Sie grinsten Marika siegessicher an. Anne konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.

„Was habt ihr jetzt schon wieder angestellt. Seht nur, wie Marika aussieht, total abgekämpft.“

„Is nicht wahr, Mami“, kam sofort der Protest der Kleinen, „Malika is ein Pferd. Aber sie is böses, böses Pferd. Sie uns abgewolfen, mhm“, beschwerten sie sich lauthals in ihrer kindlichen Sprache.
Anne schüttelte vor Lachen den Kopf.

„Du darfst nicht immer alles machen, was die beiden Tyrannen fordern. Wann wirst du eigentlich abgeholt? Es ist schon achtzehn Uhr. Und deine Haare benötigen nicht nur den Kamm, wie mir scheint.“

„Ach, ist nicht so eilig“, wehrte Marika mit einer flachen Handbewegung ab. „Außerdem müssen die beiden herumtollen können, damit sie in der Nacht durchschlafen und du dich ausruhen kannst. Das unwirtliche Wetter verhindert ja das Spielen im Garten.“
Seit Tagen beherrschte Nieselregen das Wetter. Die feuchte Kälte kroch in die wärmste Kleidung, obwohl es bereits Ende April war. Sie betrachtete ihre Freundin Anne, deren kastanienbraunes Haar sich in großen Locken ringelte, obwohl sie es gut durchgestuft, schulterlang trug. Es umrahmte ihr hübsches Gesicht. Ihre Wangen waren leicht rosa gefärbt von der Wärme, die der Elektroofen ausstrahlte. Sie kochte gerade für die Familie das Abendessen. Normalerweise aß auch Marika mit, aber heute war sie eingeladen und irgendwie froh dem Trubel zu entkommen. Gegen Abend waren die Kinder bereits müde, gereizt und mürrisch gewesen. Sie hatte versucht, sie so gut sie konnte, zu beschäftigen und bei Laune zu halten. Sophie, die ältere Tochter von Anne, hatte es sich vor dem Fernseher gemütlich gemacht und durfte sich ihre Lieblingssendungen ansehen.

„Wie heißt dein Date eigentlich? Kenn ich ihn?“
Anne fragte nicht nur aus reiner Neugierde. Sie wünschte sich für ihre Freundin, dass auch sie endlich die große Liebe finden würde. Hin und wieder brach bei ihr eben die romantische Ader durch.

„Alex, und nein, du kennst ihn nicht. Du wirst ihn auch nicht kennenlernen. Ist reine Zeitverschwendung. Ich weiß sowieso nicht, welcher Affe mich gelaust hat, als ich mich bereit erklärt habe, mit ihm auszugehen. Er ist nicht meine Kragenweite. Mir war einfach langweilig und mein letztes Date liegt schon zwei Wochen zurück.“ Marika griff in die Dose mit den selbstgebackenen Keksen, die Anne auf dem Küchentresen stehen hatte. Gemütliche Hocker luden hier zum Platznehmen ein. Nach alter Tradition diente die Küche nicht nur als Stätte der Essenszubereitung, hier befand sich auch das Kommunikationszentrum der Familie Lenders.
Marika wechselte ihre Männer wie andere ihre Unterwäsche. Feste Beziehungen waren für sie tabu. Immer hatte sie an ihren Bekanntschaften etwas auszusetzen, zu jung, zu klein, zu groß, zu unreif …
Der Mann, der bei ihr Chancen hatte, musste wohl erst geboren werden. Obwohl Marika ihre Freundin um ihr Glück beneidete, war sie der festen Meinung, dass ihr das nicht zustand. Seit die Zwillinge auf der Welt waren, arbeitete sie bei den Lenders als Kindermädchen. Chris Lenders hatte sie kurzerhand engagiert. Und sie hatte freudig zugegriffen. Den Job als Verkäuferin hatte sie sofort aufgegeben. Sie vermisste ihn nicht. Die Lenders waren in den letzten drei Jahren ihre Familie geworden. Anne war das bereits vor ihrer Heirat gewesen – Familie für Marika. Die einzige, die sie noch hatte. Dieses Geheimnis behielt sie allerdings für sich. Sie liebte Anne, wie man eine Schwester liebte oder eben eine allerbeste Freundin. Jetzt grinste sie sie breit an.

„Was kochst du denn heute Gutes, vielleicht bleibe ich doch lieber hier“, sie lief um die Küchenzeile herum, um in den großen Topf zu spähen, der auf der Herdplatte stand und leise vor sich hin brodelte.

„Spaghetti!“, murmelte Anne, „heute ist Freitag, da ist bei uns meistens Spaghettitag, das weißt du aber.“
Sie rührte die Tomatensoße um, die köstlich nach italienischen Kräutern, frischen Tomaten und allerlei Gewürzen roch. Der Duft breitete sich bekömmlich in der gemütlichen Küche aus. Marika lief das Wasser im Mund zusammen. Irgendwie hätte sie ihre Verabredung gerne abgesagt. Sie empfand keine Lust mehr darauf. Ihre Freundin war eine ausgezeichnete Köchin, die großen Spaß daran fand, ihre Liebsten mit allerlei selbst zubereiteten Spezialitäten zu verwöhnen. Marika hingegen mied das Kochen, wo es nur möglich war. Sie genoss es, sich an den gedeckten Tisch setzen zu können.

„Also dann verzieh ich mich. Solltest du mich morgen doch brauchen, ruf mich an, ja? Ich werde sowieso zu Hause sein, um mich von deinen Biestern erholen zu können“, spöttelte sie.
Bevor sie jedoch aufstehen konnte, sprangen die beiden Kleinen auf ihren Schoß. Sie schloss sie liebevoll in ihre Arme. Beiden drückte sie einen festen Schmatz auf ihre erhitzten Wangen.

„Macht’s gut, ihr Quälgeister, hab euch lieb“, damit stellte sie beide wieder auf dem Boden ab und verließ das Haus der Lenders.

Zu ihrer Wohnung fuhr Marika mit dem Auto nur wenige Minuten. Es tat zwischendurch gut, sich in die eigenen vier Wände zurückziehen zu können. Aber immer öfter fühlte sie sich dort auch alleine und einsam. Überhaupt seit Anne nicht mehr in der Wohnung unter ihr lebte, sondern mit Chris und ihren Kindern auf den Rosenhügel gezogen war. Sie huschte unter die Dusche. Das heiße Wasser erweckte wieder ihre Lebensgeister. Ohne lange zu überlegen, schlüpfte sie in ihre bequeme Stretchjeans und in einen weichfließenden Pullover. Ihr fehlte die Lust, sich herauszuputzen und in ihre Aufmachung viel Zeit zu investieren. Sie fand, es lohnte sich nicht. Lustlos setzte sie sich in ihren bequemen Ohrensessel, zog die Beine an und wartete, bis es an der Zeit war, in das „Spleens“ zu gehen, um ihre Verabredung zu treffen. In ihre Wohnung ließ sie aus Prinzip keine Männer, die sie irgendwo kennenlernte und mit denen sie ein Date vereinbarte. Das „Spleens“ war der Nachtklub, in dem Anne früher gejobbt hatte. Marika hing gerne dort ab, weil jede Nacht etwas geboten wurde und man auch leicht einen unverbindlichen Aufriss machen konnte. Und hin und wieder tat es ihr gut, sich einen Mann anzulachen, nur für eine Nacht. Das reichte durchaus. Eine feste Beziehung zu haben, konnte sie sich nicht vorstellen. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, in der sie anders gedacht hatte. Aber diese Zeit lag in einer anderen Welt, lange, lange Jahre zurück. Marika unterdrückte ihre Erinnerungen. Sie sah auf die Uhr. Es war Zeit, aufzubrechen. Ein kurzer Blick in den Spiegel, dann ergriff sie rasch den Mantel und verließ grimmig die Wohnung. Mist! Ihr fehlte gänzlich die Laune, um Small Talk zu betreiben. Vor ein paar Tagen, als der Typ sie im Café angesprochen hatte, konnte sie der Idee einer Verabredung durchaus etwas abgewinnen. Seine schmalzigen Sprüche, die er vom Stapel ließ, und sein Kleidungsstil hatten sie zwar nicht gerade angeturnt. Aber seine Aufmerksamkeit und sein augenscheinliches Interesse an ihr taten ihrem angeschlagenen Selbstwertgefühl durchaus gut. Sie schlenderte zu Fuß zum „Spleens“. Es hatte aufgehört zu nieseln und mittlerweile war es windstill. Sie genoss die frische Frühlingsluft, sog sie tief ein. Auch um diese späte Stunde herrschte auf Wiens Straßen noch reger Verkehr. Menschen hasteten von der Arbeit nach Hause oder schlenderten wie sie in gemächlichem Tempo die Gassen entlang. Hin und wieder wurde sie angerempelt, wenn jemand sie überholte. Sie blieb auch ab und zu stehen, um einen Blick in die Schaufenster zu werfen. Die angepriesene Designerware überstieg ihre finanziellen Möglichkeiten und sie wunderte sich, wie schon so oft, wer sich solche Kleidung leisten konnte. Sie schüttelte fast unmerklich verwundert den Kopf und spazierte weiter. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, sollte ihr Verehrer bereits am Treffpunkt pünktlich angelangt sein, würde er jetzt bereits fünfzehn Minuten warten. Gut so. Ohne ihren Schritt zu beschleunigen, ging sie weiter. Immer wieder kam ihr der Gedanke, einfach umzudrehen und wieder nach Hause zu laufen. Das Date einfach sausen zu lassen. Aber sie sehnte sich nach Sex. Sie sehnte sich danach, ihren Körper zu spüren. Von ihrer Seele war nicht die Rede. Nur die reine Lust sollte befriedigt werden, damit sie besser schlafen konnte und innerlich wieder ruhiger wurde. Sex war für sie ein profanes Mittel, um Frust abzubauen, Dampf abzulassen. Sich abreagieren zu können. Die Vorfreude darauf löste ein angenehmes Kribbeln im Körper aus. Wenn ein Mann dann auch noch ein intensives Aftershave benutzte, der Duft in ihre Nase kroch, erregte das sämtliche Sinne in ihr. Sie spürte ein Prickeln.
Als sie das „Spleens“ betrat, sah sie ihn bereits an der Bar stehen. Sie bahnte sich einen Weg durch die Besucher, nun doch voller gespannter Erwartung, was der Abend so bringen würde …

Das Date vom Vorabend war wirklich ein einziger Reinfall gewesen, der Sex unter jeder Würde. Marika lag im Bett. Das fahle Licht der Straßenlaternen und des bereits angehenden Morgens drang durch die leicht geöffneten Jalousien. Warf Schattenstreifen an die Wand. Sie starrte an die Zimmerdecke. Bizarre Schattenbilder formten sich auch dort. Was stimmte nicht mit ihr? Warum fühlte sie sich in Männergesellschaft unwohl und ohne mochte sie auch nicht sein? Vor ihrem geistigen Auge blitzte die weiße Urgewalt auf. Ein Donnern und Grollen erschütterte das kleine Bergdorf, in dem sie aufgewachsen war. Kalter Schweiß rann ihren Rücken hinab. Sie schüttelte vehement den Kopf, um diese Bilder zu vertreiben. Gesichter von bekannten Menschen lächelten sie an. Gesichter von bereits Verstorbenen. Ein Gesicht, kurz erhellt, lächelte besonders freundlich, bevor es wieder im Schatten verschwand. Sie hatte nicht erkannt, wessen Gesicht es war. Zu kurz war der Augenblick. Ein kalter Schauer rieselte ihren Rücken hinab. Lachen! Schrilles Lachen! Dann war es wieder völlig still. Schweiß klebte ihr auf der Stirn, im Nacken und zwischen den Brüsten. Sie drängte die Erinnerung tief in ihr Innerstes zurück. Versuchte sie wegzusperren. Aus den Gedanken für immer zu verbannen. Nie mehr war sie seitdem nach Hause zurückgekehrt. Nie mehr wollte sie daran erinnert werden. Und doch, hin und wieder krochen Szenen der Vergangenheit heimtückisch in ihr Bewusstsein. Mühsam raffte sich Marika auf und quälte sich aus dem Bett. Mit heißem Wasser versuchte sie, sich allen Kummer wegzuspülen. Danach ging es ihr wieder besser. Die tiefen Augenringe deckte sie mit etwas Creme ab. Ein heißer Früchtetee – Pfirsich-Mango – wärmte sie von innen auf. Trotz der sehr frühen Morgenstunden würde sie nicht mehr schlafen können. An den Wochenenden hatte sie immer frei. Erst Samstagmorgen und schon vermisste sie die Kinder und Anne. Ein profanes Mittel, um Kummer zu vertreiben, war körperliche Betätigung, wie Marika fand. Daher begann sie mit dem Sauber machen ihrer kleinen Wohnung. Sie staubte ab, verrückte Möbel, um auch in den hintersten Ecken den Schmutz zu beseitigen. Sie saugte und schrubbte die Böden. Sie verstaute die herumliegende Wäsche im Badezimmer und stopfte einen Großteil davon in die Waschmaschine. Ein Rundumblick in ihren kleinen vier Wänden ließ sie erleichtert aufatmen. Es blitzte und glänzte, wohin man schaute. Kein Staubkörnchen hatte sie übersehen. Zufrieden mit sich und ihrer Leistung gönnte sie sich eine Verschnaufpause und brühte sich einen Tee auf. Das restliche Wochenende verbrachte sie zusammengekauert mit einem Buch auf der Couch. Lesen lenkte ab. Unter Leute zu gehen, etwas zu unternehmen, oder aber nur einen Spaziergang zu machen, wäre schon zu viel der Anstrengung gewesen. Ihr Körper war nach dem schlimmen Albtraum ausgelaugt und schwach. Schwäche hasste sie. Von ihren Gefühlen gesteuert zu werden und sie nicht im Griff zu haben, hasste sie ebenfalls. Während die Bilder des Albtraumes abliefen, versagten ihre bewussten Gedanken, der Körper begann zu zittern und die Muskeln und Gelenke zu schmerzen. Es kostete sie alle Anstrengung, die sie aufbringen konnte, wieder aus dieser Hölle aufzutauchen. In diesen Zeiten bevorzugte sie die Ruhe und das Alleinsein. So kannte sie niemand. Unter Menschen gab sie sich als quirlig, stets lustig und ständig für Späße bereit. Männer und Sex dienten als Ventil, um die aufkeimende Depression zu verdrängen. Oberflächliche Bekanntschaften. Mehr ließ sie nicht zu. Die wahre Marika, ihre düstere Vergangenheit, den Schmerz, ihre Trauer verbarg sie. Niemandem gewährte sie Einblick. Auch Anne nicht. Seit sie ihren Heimatort vor zehn Jahren verlassen hatte, war sie vor sich und ihrer Vergangenheit ständig auf der Flucht. An keinem Ort war sie lange geblieben. Hier in Wien lebte sie jedoch bereits mehr als sieben Jahre. In der Anonymität der Stadt fühlte sie sich geborgen.

 

Kapitel 2

Montagmorgen trat sie pünktlich ihren Dienst bei den Lenders an. Sie hatte sich das ganze Wochenende auf die kleinen Racker gefreut. Schnell setzte sie ihr strahlendstes Lächeln auf, als ihr Sophie, die ältere Tochter der Lenders, in die Arme flog. Sie war bereits fertig angezogen für die Schule. Mit ihren sieben Jahren wirkte sie neben dem Zwillingspärchen wie die buchstäbliche große Schwester.

„Marika, ich mag heute nicht in die Schule gehen. Lieber möchte ich dir helfen, auf Lea und Tom aufzupassen. Die beiden stellen wieder jeden Unfug an“, schilderte sie mit leicht genervtem Tonfall und blickte dabei mit hoffnungsvollen Augen zu Marika hoch. Um ihrem Gesagten mehr Gewicht verleihen zu können, rollte sie mit ihren Augen, wie es nur Mädchen zustande bringen, und zuckte mit den Schultern.

„Was steht denn heute in der Schule an?“
Marika zog die beiden Augenbrauen hoch, wie sie es immer tat, wenn sie einem Geheimnis auf der Spur war.

„Rechnen“, nuschelte Sophie. Ihr treuherziger Blick ließ Eis schmelzen.

„So, so! Rechnen also. Aber du hast sicher mit deinem Papa übers Wochenende geübt“, stellte Marika nun wissend fest.
Obwohl Chris nicht der leibliche Vater von Sophie war, hatte er sie kurzerhand adoptiert und behandelte sie wie sein eigen Fleisch und Blut. Er liebte seine Kinder, ohne jeglichen Unterschied. Und Lernen mit Sophie sah er als seine väterliche Pflicht an.
Sophie rümpfte ihr Stupsnäschen.

„Hey Marika“, hallte Chris’ tiefe Stimme vom Korridor und gleich darauf polterten die Zwillinge hinterher, gefolgt von Anne.

„Hallo Marika, heute geben die beiden schon in der Früh Gas. Ich weiß nicht, wie ich sie bändigen soll“, beschwerte sich Anne in ihrem liebvollen mütterlichen Ton, den sie immer aufsetzte, wenn es um ihre Kinder ging.
Chris hingegen grinste breit über das ganze Gesicht. Stolz blitzte auf.

„Haben eben doch einige Gene vom Papa mitbekommen“, gluckste er.
Anne ließ sich erschöpft in seine Arme fallen.

„Das ist mir allerdings nicht entgangen“, schnaufte sie.
Lea und Tom wirbelten unterdessen von Zimmer zu Zimmer. Fangen spielen gehörte zu ihren absoluten Lieblingsbeschäftigungen.

„Sophie, Schatz, bist du soweit?“, fragte Chris und wirbelte seiner Tochter mit der Hand durch das frisch gekämmte Haar.

„Papa“, schimpfte die Kleine mit genervter Stimme und entrüsteter Miene.

„Du brauchst dich vor den Zahlen nicht zu fürchten, denk nur daran, zu Hause hast du alles richtig gerechnet. Es kann also gar nichts schiefgehen“, versuchte Chris, das Mädchen aufzumuntern. An Marika gerichtet meinte er:
„Anne und ich bringen Sophie in die Schule und anschließend haben wir noch den Ultraschalltermin bei Dr. Weigart. Vielleicht erfahren wir ja heute, ob es ein Bub oder ein Mädchen wird.“
Liebevoll streichelte er Annes Bäuchlein.
„Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt darauf. Es kann also später werden. Ach ja und Tim wird heute vorbeikommen. Sollten wir noch nicht zurück sein, soll er einfach warten“, bat Chris noch.
Die drei schlüpften in die Schuhe und zur Tür raus.
Marika schnaufte auf. Was wollte denn Tim hier? Sie wollte nicht mit ihm alleine sein. Er war zwar ein Prachtstück von einem Mann. Groß, brünettes Haar, breite Schultern, durchtrainierter Körper und tiefblaue Augen. Aber er nervte auch. Vor allem wollte sie nicht zu seiner Trophäensammlung gehören. Dies schien jedoch sein angestrebtes Ziel zu sein. Seine Machosprüche hingen ihr sonst wohin. Nochmals schnaufte sie genervt. Aber gerade jetzt blieb ihr keine Zeit, weiter darüber Gedanken zu verlieren. Es war im Haus auf einmal verdächtig ruhig geworden. Und das hieß selten etwas Gutes. Schnell lief sie von Zimmer zu Zimmer, um die beiden Quälgeister zu suchen. Fündig wurde sie im Badezimmer. Beide probierten in voller Eintracht die Schminkutensilien von Anne aus. Lea hatte den Lippenstift von einem Ohr quer über ihr Gesicht gezogen. Seltsamerweise hatte sie die Lippen dabei unberührt gelassen. Tommy versenkte seine kleine Hand im Cremetiegel.

„Na, ganz toll“, rief Marika und betrachtete, die Hände in die Hüften gestemmt, das Desaster.
Erschrocken fuhren die beiden herum. Das schlechte Gewissen stand ihnen in die niedlichen Gesichter geschrieben, soweit man von den beiden Gesichtern überhaupt noch etwas erkennen konnte. Marika wunderte sich einmal mehr, wie schnell und mit welcher Eintracht die Zwillinge einen Unfug nach dem anderen anstellen und vor allem, wie sie an die Schminksachen gelangen konnten. Sophie war da als Dreijährige bei Weitem nicht so anstrengend gewesen. Marika seufzte kurz auf und begann, die Kinder sauber zu schrubben und anschließend das versaute Badezimmer zu reinigen, wobei sie die Kinder anhielt, auch mitzuhelfen. Soweit Dreijährige überhaupt in der Lage waren, mitzuhelfen, ohne gleich wieder den nächsten Unsinn auszuhecken. Gerade als sie mit den beiden in die Küche gehen wollte, um ihnen einen Snack zu richten, läutete die Türglocke Sturm. Die Gegensprechanlage verkündete Tims Ankunft. Genervt drückte sie auf den Türöffner. Keine fünf Sekunden später stürmte er auch schon in den Flur.

„Hallo, meine Schöne. Und auch hallo ihr kleinen Racker“, begrüßte er alle drei euphorisch.
Sein breites Grinsen zog sich von einem Ohr zum anderen.

„Chris und Anne sind noch nicht zurück. Wenn du noch etwas zu tun hast, erledige es vorher. Es dauert sicher noch eine Zeit, bis sie wieder da sind“, fauchte sie und hoffte, ihn vielleicht so vertreiben zu können.
Tim hatte seine Hände lässig in die Hosentaschen gesteckt und grinste ohne Umschweife weiter.

„Wer sagt denn, dass ich zu Chris und Anne will. Deine Anwesenheit ist der reine Balsam für mich, meine Schöne.“
Marika schnaufte und fuchtelte mit den Händen.

„Ach, hau einfach ab und komm wieder, wenn die beiden zurück sind.“
Damit drehte sie sich im Stand um. Die beiden Kinder, jedes an einer Hand haltend, zog sie in die Küche. Tim ließ sie unbeachtet stehen. Im Rücken hörte sie sein lautes, tiefes Lachen. Besonders eingeschüchtert hatte sie ihn nicht. Warum machte sie dieser Mann nur so nervös? In seiner Gegenwart verlor sie regelmäßig ihre Selbstbeherrschung. Am ganzen Körper begann es zu kribbeln, wenn er sie nur ansah. Er war Chris’ Teamkollege in der Mannschaft der VIKs. Und in den Jahren, in denen sie sich kannten, ein guter Freund der Familie geworden. Dadurch ließ es sich nicht vermeiden, dass sie sich öfter, als es nötig gewesen wäre, über den Weg liefen. Tim war ein sehr flinker Runningback, etwas kleiner und nicht so bullig gebaut wie Chris, aber mit einem muskulösen, durchtrainierten Körper. Timothy Smith, wie er mit vollem Namen hieß, zählte ebenso zu den unverbesserlichen Frauenhelden. Über seine Errungenschaften und Bekanntschaften konnte man ausführlich in der Klatschpresse nachlesen. Nicht nur das störte Marika. Sie hatte auch ihre Bekanntschaften. Aber sie trat sie nicht in der Öffentlichkeit breit. Tims süffisantes Grinsen aus den Illustrierten, immer mit irgendeinem halb nackten Pin-up-Girl an seiner Seite, verdross sie. Aber sie konnte sich nicht erklären warum. Seine azurblauen Augen hielten ein ausgewähltes Opfer ohne Anstrengung gefangen. Sie hatte nicht nur einmal beobachtet, dass sie wie Magnete wirkten, sobald sie ein unschuldiges Wesen ins Visier genommen hatten. Tim zog die Frauen an wie Licht die Motten. Hin und wieder musste sie Acht geben, um nicht selbst in diese Falle zu tappen. Mehr als einmal hatte sie davon geträumt, ihre Hände in sein dichtes, unbändiges Haar zu vergraben. Marika schüttelte den Gedanken sofort ab. Tims Stimme holte sie zurück in die Gegenwart.

„Was stierst du denn in den Kühlschrank? Gibt es da drinnen Eismännchen?“

„Nein, außerdem ginge es dich nichts an“, fuhr Marika brüsk zurück.
Sie besann sich jedoch auf die Anwesenheit der Kinder und warf ihm daher über die Schulter ein undefinierbares Lächeln zu.

„Hunger, Hunger“, protestierten die Kleinen nun lautstark.
Marika konzentrierte sich weiter intensiv darauf, eine bekömmliche Brotzeit zu richten. Um nicht gänzlich unhöflich zu sein, bot sie auch Tim ein Sandwich an. Tim half den Kindern beim Essen. Er schnitt das Brot in mundgerechte Stücke. Hielt die Becher, wenn sie trinken wollten. Und hörte ihnen aufmerksam zu, als sie ihm von der Schminkaktion in ihrer kindlichen Sprache berichteten. Fremde verstanden die Kleinen oft schlecht. Aber Tim nicht. So wie er mit Frauen umzugehen wusste, verstand er es auch, sich mit Kindern zu beschäftigen. Marika beobachtete ihn heimlich von der Seite. Er würde sicher einen tollen Vater abgeben. Woher war dieser Gedanke jetzt gekommen? Verstohlen senkte sie ihr Gesicht, um die peinliche Röte zu verbergen. Sie verschluckte sich am Essen. Damit erregte sie allerdings seine volle Aufmerksamkeit. Tim war aufgesprungen und zu ihr geeilt, um ihr leicht auf den Rücken zu klopfen. Ein elektrischer Stromschlag durchfuhr ihren Körper. Dieser Mann machte sie verrückt. Sie verstand nicht, woran es lag. Zärtlich verweilte seine warme Hand auf ihrem Rücken.

„Geht’s dir wieder besser?“, die Besorgnis war aus seiner Stimme herauszuhören.

„Ja, danke“, damit stand Marika rasch auf, um seine Hand abschütteln zu können.
Sie brauchte Abstand. Viel Abstand. Verdammt.
Tim setzte sich wieder auf seinen Platz. Nach dem Essen zog er sich mit Lea und Tom ins Wohnzimmer zurück, während Marika die Küche säuberte. Sie brühte Tee auf und bot auch Tim eine Tasse an. Er hockte mit den beiden Kleinen auf dem Boden und baute mit den Holzklötzen Türme, die sie voller Eifer umwarfen. Marika schluckte ihre Bedenken hinunter und setzte sich zu ihnen. Die nächste Stunde verflog wie eine Minute. Mit den Kindern zu lachen, herumzualbern, hatte die Spannung, die sonst zwischen Tim und ihr herrschte, in Luft aufgelöst.

„Wann gehst du mit mir endlich essen?“
Tims Stimme drang von Weitem zu ihr. Sie starrte ihn ungläubig an. Wie oft hatte er sie das schon gefragt? Und doch lautete ihre Antwort immer Nein.

„Du kennst meine Antwort bereits, wann gibst du endlich auf?“

„Nie, mein Engel. Du bist eine Frau nach meinem Geschmack“, versuchte er, mit verführerischer Stimme zu locken.

„Ha, dass ich nicht lache. Zeig mir eine Frau, die nicht nach deinem Geschmack ist, du Casanova.“ Marika hatte unbewusst die Stimme erhoben. Sogar Lea und Tom starrten sie baff an.
Tim grinste wieder verdächtig.

„Was kann ich denn dafür, dass die Frauen mir hold gesinnt sind. Ich kann mich ihrer ja kaum erwehren. Daher ist es auch so wichtig, dass du mit mir essen gehst. Nur so kannst du mich beschützen.“
Er ergriff Marikas Hand und zog sie an seine Lippen, bevor sie sie zurückziehen konnte. Ein elektrischer Schlag durchfuhr ihren Körper. Tim ließ nicht locker. Sein Griff war fest und doch nicht grob.

„Wovor hast du Angst, Marika? Ich habe nicht vor, dich zu fressen, höchstens ein wenig anzuknabbern, vielleicht jedenfalls. Und so viel ich mitbekommen habe, bist du auch nicht gerade ein Kind von Traurigkeit. Also verurteile mich nicht. Dazu hast gerade du kein Recht.“
Seine Stimme hatte einen scharfen Unterton angenommen. Die Augen, bedrohliche Schlitze, versuchten, in ihre tiefste Seele zu blicken. Verärgert versuchte Marika, ihre Hand wegzuziehen. Er hielt sie fest.

„Heute Abend hole ich dich bei deiner Wohnung um Punkt zwanzig Uhr ab. Und wage nicht, nicht da zu sein oder nicht aufzumachen. Ich finde Mittel und Wege, dich zu finden. Und glaube mir, es ist besser, wenn du freiwillig mitkommst.“
Seine Stimme duldete keine Widerrede.
Giftpfeile schossen vor Zorn zwischen den beiden Augenpaaren hin und her.
Gerade in dem Augenblick als Marika antworten wollte, flog die Tür auf, und Chris und Anne stürmten herein.

„Hey, alle zusammen, wir sind wieder zurück“, hallte die tiefe Stimme des Hausherrn durch den Korridor zu ihnen ins Wohnzimmer.
Kurz darauf tauchten Anne und Chris mit breit grinsenden, strahlenden Gesichtern auf.

„Es ist alles bestens“, kam es von beiden wie aus einem Mund. 

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